Bio-PE kaufen — Der komplette Leitfaden für Einkäufer (2026)
Bio-Polyethylen kaufen: Grades, Preise, MOQ, Zertifizierung. Alles was Einkäufer über Braskem I'm green Bio-PE wissen müssen.
Bio-PE kaufen — Der komplette Leitfaden für Einkäufer (2026)
Polyethylen aus Zuckerrohr statt Erdöl — chemisch identisch, vollständig austauschbar, ISCC+ zertifiziert. Dieser Leitfaden beantwortet alle Fragen, die Einkäufer vor dem ersten Auftrag stellen.
Was ist Bio-PE?
Bio-Polyethylen (Bio-PE) ist chemisch identisch mit konventionellem PE, wird aber nicht aus fossilem Erdöl hergestellt, sondern aus Bioethanol. Der Produktionspfad: Zuckerrohr → Ethanol → Ethylen → Polyethylen.
Das Ergebnis ist ein Polymer mit exakt denselben Eigenschaften wie fossiles PE — gleiche Schmelzpunkte, gleiche mechanischen Kennwerte, gleiche Verarbeitbarkeit. Kein Umrüsten von Maschinen, keine neuen Rezepturen, keine neuen Lieferantenzulassungen außer der des Materials selbst.
Der wichtigste Anbieter weltweit ist Braskem aus Brasilien mit der Produktlinie I'm green™. Braskem betreibt in Triunfo (Rio Grande do Sul) die weltweit größte Anlage für Bio-PE mit einer Kapazität von rund 200.000 Tonnen pro Jahr.
Warum Zuckerrohr?
Brasilianisches Zuckerrohr hat unter allen Bioethanolquellen die beste Energiebilanz. Ein Hektar Zuckerrohr produziert mehr nutzbare Energie als Mais, Weizen oder Rübe — und das bei deutlich geringerem Wasserverbrauch als Mais-Ethanol.
Die Treibhausgasbilanz: Bio-PE aus brasilianischem Zuckerrohr spart nach unabhängigen Lifecycle-Analysen (LCA) rund 2,1 kg CO₂ pro kg Polymer im Vergleich zu fossilem PE — inklusive Transport nach Europa. Das liegt an der Photosynthese-Bindung von CO₂ während des Pflanzenwachstums.
Braskem lässt die gesamte Lieferkette nach ISCC+ (International Sustainability and Carbon Certification) und RSB (Roundtable on Sustainable Biomaterials) zertifizieren.
Grades: HDPE, LDPE, LLDPE
Bio-PE ist kein einzelnes Produkt, sondern eine Produktfamilie. Die drei relevanten Grades unterscheiden sich in Dichte, Kristallinität und Anwendung:
HDPE (High-Density Polyethylene)
- Dichte: 0,94–0,97 g/cm³
- Steif, dimensionsstabil, chemikalienbeständig
- Typische Anwendungen: Flaschen, Kanister, Rohre, Haushaltsprodukte, Spielzeug, Kisten
- Braskem-Grade: SHA7260 (Blasformen), SHE150 (Spritzguss), SHB7260 (Extrusion)
LDPE (Low-Density Polyethylene)
- Dichte: 0,91–0,94 g/cm³
- Weich, flexibel, gute Tiefziehbarkeit
- Typische Anwendungen: Folien, Beutel, Beschichtungen, flexible Verpackungen
- Braskem-Grade: SFL7048 (Blasfolie), SFL5011 (Gießfolie)
LLDPE (Linear Low-Density Polyethylene)
- Dichte: 0,91–0,93 g/cm³
- Kombination aus Flexibilität und Reißfestigkeit
- Typische Anwendungen: Stretchfolie, Schlauchbeutel, landwirtschaftliche Folien
- Braskem-Grade: SLL118 (allgemeine Anwendungen)
Alle Grade sind als 1:1 Drop-in zu den jeweiligen fossilen PE-Pendants einsetzbar — ohne Prozessanpassung.
Preise 2026
Aktuelle Marktpreise für Braskem I'm green Bio-PE (CIF Europa, Q1 2026):
| Grade | Preis EUR/t | Delta zu fossilem PE | |-------|------------|----------------------| | HDPE Bio | 1.200–1.400 | +35–50% | | LDPE Bio | 1.300–1.500 | +30–45% | | LLDPE Bio | 1.200–1.350 | +30–40% |
Das Preisdelta klingt hoch. Relativiert man es aber auf den Materialanteil am Endprodukt, sieht die Rechnung anders aus: Ein Smartphone mit 15 g PE-Anteil kostet bei Bio-PE statt fossilem PE rund 0,009 EUR mehr. Bei einem Laptop (ca. 80 g PE) sind es 0,06 EUR. Für Hersteller, die ein Nachhaltigkeitsversprechen kommunizieren wollen, ist das ein vernachlässigbarer Aufpreis.
Die Preise bewegen sich mit den globalen Rohstoffmärkten, dem Bioethanol-Preis und dem EUR/BRL-Wechselkurs. Tendenz 2025–2026: leicht sinkend durch Skaleneffekte bei Braskem und steigende fossile PE-Preise.
Mindestmengen und Bezugswege
Mustermengen: Ab 25 kg sind Testmengen erhältlich — üblicherweise über autorisierte Distributoren in Europa. Das reicht für Verarbeitungstests, Compound-Entwicklung und erste Laborprüfungen.
Produktionsmengen: Ab 1 Tonne laufen reguläre Aufträge. Standard-Liefergebinde sind 25-kg-Säcke auf Palette (1.000–1.250 kg/Palette).
Bezugswege in DACH und Europa:
- Direkt über Braskem (ab größeren Volumina, typisch ab 20+ Tonnen)
- Über autorisierte Distributoren: FKuR Kunststoff (DE), Ravago Group (NL), Distrupol (UK/EU)
- Über Marktplätze für Bio-Polymere
Lieferzeiten ab Lager Europa: 1–2 Wochen. Aus Brasilien: 8–12 Wochen.
ISCC+ Zertifizierung — Was das bedeutet
ISCC+ (International Sustainability and Carbon Certification Plus) ist der wichtigste Standard für bio-basierte Materialien im Industriebereich. Er zertifiziert:
- Nachhaltigkeit der Biomasse: Kein Anbau auf Flächen mit hohem Kohlenstoffbestand (Regenwald, Moore), keine Konkurrenz mit Nahrungsmittelproduktion auf schützungswürdigen Flächen
- Chain of Custody: Rückverfolgbarkeit der Biomasse von der Farm bis zum Pellet
- Treibhausgasreduktion: Nachweis der CO₂-Einsparung über die gesamte Lieferkette
Für Einkäufer relevant: Wenn Sie ISCC+-zertifiziertes Bio-PE kaufen und in Ihrer Lieferkette weiterverarbeiten, können Sie die Nachhaltigkeitseigenschaften an Ihre Kunden weitergeben — Scope 3-Reduktionen in der CO₂-Bilanz Ihrer Kunden werden damit belegbar.
Achten Sie beim Einkauf auf das ISCC+ Statement of Conformity des Lieferanten. Ohne dieses Dokument können Sie keine Nachhaltigkeitsaussagen über das Material ableiten.
#SafeToBurn🔥 — Der unterschätzte Vorteil
Ein oft übersehener Vorteil von Bio-PE: Es ist #SafeToBurn🔥. Das bedeutet: Am Ende seiner Nutzungsdauer — wenn Recycling nicht möglich ist — kann Bio-PE thermisch verwertet werden, ohne den fossilen Kohlenstoffkreislauf zu belasten.
Fossiles PE setzt bei der Verbrennung Kohlenstoff frei, der Jahrmillionen im Boden gebunden war. Bio-PE setzt dagegen nur den Kohlenstoff frei, den die Zuckerrohrpflanze kurz zuvor aus der Atmosphäre gebunden hat. In der CO₂-Bilanz ist das annähernd neutral.
Das ist kein Freifahrtschein für das Verbrennen von Kunststoffen. Aber in Systemen, in denen Recycling aus technischen oder wirtschaftlichen Gründen nicht realisierbar ist — etwa bei mehrlagigen Verbundmaterialien — macht es einen echten Unterschied in der Klimabilanz.
Für Unternehmen mit Science-Based Targets (SBTi) oder CSRD-Berichtspflichten ist dieser Aspekt zunehmend relevant.
Checkliste: Vor dem ersten Auftrag
- [ ] Welches Grade wird benötigt? (HDPE/LDPE/LLDPE — Anwendung definiert die Wahl)
- [ ] Verarbeitungsparameter identisch mit fossilem PE bestätigen (in den meisten Fällen: ja)
- [ ] ISCC+ Statement of Conformity des Lieferanten anfordern
- [ ] Muster bestellen (25 kg) und interne Verarbeitungstests durchführen
- [ ] Scope 3-Bilanzierung vorbereiten: Welche Einsparung dokumentiere ich?
- [ ] Preis-Kalkulation: Aufpreis auf Materialebene vs. Kommunikationsnutzen
Bio-PE ist das am weitesten entwickelte bio-basierte Drop-in-Polymer auf dem Markt. Für Einkäufer, die schnell und ohne technisches Risiko starten wollen, ist es der naheliegendste erste Schritt.